Jugendliche mit Migrationshintergrund beschäftigen nicht nur die Fachkräfte in der Sozialen Arbeit und der Schule, sondern auch die Mitarbeiter des Ethno-Medizinischen Zentrums. Insbesondere was die Sexualbeziehungen der Jugendlichen angeht, sind noch viele Fragen unbeantwortet. Die wenigen Studien, die zu diesem Thema existieren, stellen fest, dass sich in Deutschland aufgewachsene männliche Jugendliche am Verhalten europäischer Jugendlicher orientieren, dass jedoch erhebliche Barrieren zu sexualpädagogischen Angeboten bestehen.
Dabei tut Sexualpädagogik dringend Not. Das Wissen unter Jugendlichen zum Beispiel über Verhütung von HIV/ AIDS schwindet. Gleichzeitig wird das „Liebesleben“ der jungen Generation bunter und vielfältiger. Oft sind Jugendliche mehreren Einflüssen ausgesetzt. Erste Orientierung in Sexualfragen bietet meistens die religiöse Erziehung. Aber dann beginnen auch schon die Fragen. Welchen moralischen Regeln und Standards soll man folgen? Wie sind religiöse Vorstellungen mit dem modernen Leben zu vereinbaren?
In Deutschland ist die Gruppe der Jugendlichen mit türkischem und türkisch-kurdischem Hintergrund die größte. Viele Kinder der zweiten und dritten Generation sind mehr oder weniger stark von der Tradition und Kultur ihres Herkunftslandes geprägt. Dabei sind die Jugendlichen im Vergleich zu ihren Eltern sprachlich gut integriert und in Deutschland zuhause. In der Türkei jedenfalls werden sie als Deutsch-Türken bezeichnet, ihr Türkisch trägt einen deutschen Akzent.
Am Beispiel der deutsch-türkischen Jugendlichen lässt sich recht gut aufzeigen, in welchem Gefüge unterschiedlicher Faktoren sich Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund bewegen, und welche Anforderungen der Umgang mit diesen Jugendlichen und ihren Eltern an sexualpädagogische Angebote stellt.
Eltern und Kinder mit Migrationshintergrund
Der lebenslange Anpassungsprozess an die deutsche Gesellschaft fällt nicht immer leicht. Eine bäuerlich, traditionell-islamisch geprägte Familientradition steht oft im krassen Widerspruch zu kulturellen Standards einer mitteleuropäischen, urbanen Gesellschaft. Familiäre Beziehungsstrukturen und die darin anzutreffenden Formen gegenseitiger Hilfe und Unterstützung verlieren häufig ihren bindenden Charakter. Das traditionelle Familienmodell büßt durch staatliche Angebote an Bedeutung und Attraktivität. Es gerät unter Veränderungsdruck.
Innerhalb der Kernfamilien übernehmen Kinder und Jugendliche oft Aufgaben für ihre Eltern (dolmetschen, übersetzen). Ihre Brückenfunktion bringt Abhängigkeiten mit sich. Auch emotional sind die Kinder für Eltern mit Migrationshintergrund eine wichtige Instanz. Viele Eltern erwarten, dass ihre Kinder den Fortbestand und Zusammenhalt der Familie sowie die eigene kulturelle Identität bewahren. Minderwertigkeitsgefühle, zum Beispiel aufgrund geringer Entlohnung, schmutzigen oder wenig angesehenen Jobs, haben oft eine Anspruchshaltung auf familiäre Anerkennung zur Folge. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind ihren Eltern aufgrund von deren Außenseiterposition mehrfach verbunden.
Bisherige Migrationsforschung legt die Vermutung nahe, dass die Elterngeneration türkischer Migranten auch nach vielen Jahren in Deutschland eher an den Beziehungsmustern der türkischen als der deutschen Gesellschaft festhält. In einer in Niedersachsen durchgeführten Untersuchung wurde festgestellt, dass die Netze gegenseitiger Unterstützung in Notlagen bei Migranten aus der Türkei anders beschaffen sind als bei Deutschen. Türkische Erwachsene erwarten häufiger Hilfeleistungen aus der Kernfamilie, von Verwandten und Nachbarn. Deutsche setzen eher auf Bekannte, Freunde sowie Institutionen. In Familien mit Migrations-hintergrund sind die Beziehungen oft durch große Erwartungen an die Kinder geprägt. Pflege und Versorgung im Alter werden genauso wie Hilfe im Haushalt als selbstverständlich betrachtet.
Hinzu kommen gesellschaftlich bedingte Beziehungsspannungen: In Deutschland besteht eine starke Tendenz zur Desintegration der älteren Migrantengeneration, während die hier geborene und aufgewachsene Generation von staatlichen Integrationsbemühungen, zum Beispiel im Bereich der beruflichen Bildung, profitiert. Die Wir-Identität der Familien gerät durcheinander. Es entstehen Generationen-Konflikte.
Sexualbeziehungen von männlichen türkischen Jugendlichen
Eine Studie mit türkischen Jugendlichen in Berlin zeigt insbesondere auf Seiten männlicher Migranten ein wachsendes Interesse an Sexualität. Die Stadien intimer werdender sexueller Handlungen werden etwa in der gleichen Reihenfolge durchlaufen wie auf Seiten deutscher Jugendlicher. Türkische Jungen fangen etwa im gleichen Alter an, Koituserfahrungen zu sammeln. Allerdings lag türkischen Jugendlichen, die noch keine Koituserfahrungen bzw. keine Freundin hatten, in sexuellen Beziehungen weniger an zwischenmenschlichen Werten wie Verstehen, Vertrauen, Zärtlichkeit, Rücksichtnahme, Liebe und Verliebtheit als dies bei deutschen Jugendlichen der Fall war. Ausländische Jugendliche, die eine deutsche Freundin hatten, haben etwa so viel Wissen über oder Erfahrungen mit Sexualität wie ihre deutschen Altersgenossen. Türkische Jungen, die noch keine deutsche Freundin hatten, neigen eher zu traditionellen Werten und Einstellungsmustern.
Über Sexualität sprechen
Große Unterschiede zeigen sich in der Kommunikation über Sexualität. Etwa 80 Prozent der türkischen Jungen gaben an „nie“ oder „selten“ über sexuelle Beziehungen zu sprechen. In der deutschen Vergleichsgruppe waren es nur etwa 30 Prozent. Obwohl etwa ebenso viele türkische wie deutsche Jungen bereits über sexuelle Erfahrungen verfügten, gaben junge Türken häufiger an, aus Angst vor einer HIV-Infektion auf Koitus-Erfahrungen zu verzichten (Türken 35 Prozent, Deutsche 17 Prozent). Türkische Jugendliche gaben häufiger als deutsche an, wechselnde Sexualpartnerinnen zu haben.
In einer anderen Studie wird festgestellt, dass sich in Deutschland aufgewachsene männliche türkische Jugendliche in ihrem Umgang mit Sexualität an europäischen Jugendlichen orientieren und im Zusammenhang mit dem Sexualleben eher in deutscher Sprache kommunizieren. In der Türkei aufgewachsene männliche Jugendliche hingegen orientieren sich überwiegend an der traditionellen Rollenverteilung der türkischen Gesellschaft und lehnen es strikt ab, mit Frauen über Sexualität zu sprechen. Stattdessen umschreiben sie konsequent alles Sexuelles und nennen Sexualitätsrelevantes selten beim Namen. Jungen wählen selten Familienmitglieder, um über intime Angelegenheiten zu sprechen. Nahezu zwei Drittel der männlichen türkischen Jugendlichen versicherten, unter keinen Umständen mit ihren Eltern über sexualitätsrelevante Themen zu sprechen.
Sexualbeziehungen von weiblichen türkischen Jugendlichen
Türkischen Mädchen in der Bundesrepublik ist heute möglich, was ihren Müttern früher verboten war. Zumindest theoretisch können sie auf sich selbst gestellt Erfahrungen jeder Art machen. Viele Mädchen nutzen diese Chance, stoßen allerdings auf Schwierigkeiten: Sie müssen mit der Angst leben, ihren Ruf zu verlieren. Spricht sich herum, dass sie mit „fremden Jungs gehen“, sinken ihre Heiratschancen. Wird ihre Sittsamkeit in Frage gestellt, laufen türkische Mädchen Gefahr, in der Türkei verheiratet zu werden und somit die gewohnte Umgebung verlassen zu müssen. Es besteht ein beträchtliches Maß an Kontrolle durch Familien und Nachbarn. Die meisten türkischen Mädchen verzichten daher aus Angst vor Diskreditierung auf voreheliche Liebesbeziehungen.
Ein großes Problem sowohl für türkische Mädchen als auch für türkische Jungen stellt die Vorstellung der Eltern dar, dass Mädchen und Jungen bis zur Pubertät miteinander spielen dürfen, ab etwa dem 12. Lebensjahr jedoch jeglicher Kontakt weitest möglich unterbunden wird. Mädchen sollen nun ihre sichtbaren weiblichen Reize bedecken. Das kann zu Konflikten führen.
Homophobie
Männliche türkische Jugendliche haben in den vergangenen Jahren immer wieder durch Angriffe auf Homosexuelle auf sich aufmerksam gemacht. Diese Gewaltverbrechen sind durch eine Homophobie getragen, die im Islam und der türkischen Kultur weit verbreitet ist. Sie richtet sich vornehmlich gegen männliche Homosexuelle. Auch innerhalb vieler Familien ist Gewalt gegenüber schwulen Söhnen und Brüdern an der Tagesordnung. Dies führt bei homosexuellen Jugendlichen zu erheblichen Ängsten, Erpressbarkeit, Isolation und Marginalisierung. Die Grundlagen für eine konfliktreiche Sexualentwicklung sind gelegt. Hier entsteht ein erheblicher Bedarf an Sozialarbeit und Sexualpädagogik.
Perspektiven
Es gibt einige neue Ansätze für die Sexualpädagogik bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Denn für diese Jungen und Mädchen bestehen eine Reihe von besonderen Barrieren. Dazu gehören sprachliche Schwierigkeiten, mangelnde Kenntnis der Beratungs- und Hilfsangebote, Angst vor juristischen Problemen (z.B. in Bezug auf Aufenthaltsrecht und Aufenthaltsstatus), Vorurteile und Rassismus. Auf Seiten der „Anbieter“ können eine ablehnende Haltung gegenüber Klienten mit einem erhöhten Beratungsaufwand sowie die eher individualistische Ausrichtung der Beratungs- und Therapieangebote den Zugang für junge Migranten erschweren. Generell gibt es bisher wenig Angebote, die auf diese Zielgruppe zugeschnitten sind. Dieser Mangel wiederum erhöht die Verwundbarkeit („Vulnerabilität“) von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. In der Zusammenschau von Sozial- und Sexualpädagogik lassen sich verschiedene Ursachen für Konflikte und Stresssituationen im Zusammenhang mit der Sexualität erkennen.
Dazu gehören:
- Stress durch den Behauptungskampf in der Öffentlichkeit (Aneignung von Raum)
- Leistungsdruck in den Bereichen Spiel und Technik
- Machtkämpfe und Anpassungsdruck innerhalb der männlichen Clique
- sexueller Leistungsstress
- Hilflosigkeit und Unwissenheit um positive Annäherungsmöglichkeiten
- Gewalt innerhalb der Clique
- Zwang zur Kontrolle von Gefühlen, Verbot von Verletzlichkeit und Angst
- mangelndes Selbstwertgefühl
- mangelnde Selbstständigkeit
Eine aktuelle Übersichtsarbeit von Uwe Sielert (veröffentlicht durch das Robert-Koch-Institut) benennt zur Zeit in Deutschland auftretende problematische Entwicklungen im Geschlechterverhältnis bei Kindern sowie Konsequenzen für die Gestaltung der Sexualerziehung in der Schule. Sielert erwähnt auch besondere Schwierigkeiten von Jungen und Mädchen aus Migranten- und Aussiedlerfamilien, einschließlich der Möglichkeiten, mit denen eine zielgruppenspezifische Sexualerziehung Identitätskonflikte verhindern kann. Demnach kann ein angemessener Umgang der Familie mit der kindlichen Körperscham und innerfamiliären Schamregeln einen wichtigen Beitrag zur Prävention von sexuellem Missbrauch leisten. Die Berichte aus Beratungseinrichtungen unterstreichen die Bedeutung der Sexualerziehung angesichts drängender individueller Konflikte sowie Erfahrungen mit sexueller Belästigung und sexueller Gewalt. Nachgewiesen wurde auch, dass der Einsatz von Druck und Gewalt zur Erzwingung sexueller Kontakte bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen auch in Deutschland weit verbreitet ist. Es wird ausdrücklich auf die Bedeutung von Präventionsmaßnahmen hingewiesen, die eine eindeutige Kommunikation über sexuelle Absichten lehren.
In der Arbeit des Ethno-Medizinischen Zentrums spiegeln sich viele Aspekte des Lebens von Menschen mit Migrationshintergrund. Das Bedingungsgefüge der Sexualität von Menschen mit Migrationshintergrund unterstreicht aus unserer Sicht die Notwendigkeit einer Sexualpädagogik, die mehrere Generationen einbezieht. Fragen der Lebensplanung (z. B. Zeitpunkt der ersten Schwangerschaft) und der allgemeinen Zukunftsgestaltung haben im Migrationsprozess eine Generationen übergreifende Bedeutung. Darum beziehen einige Projekte Eltern, manchmal auch Großeltern, in ihre Aktivitäten ein und machen alle Generationen einer Familie zu Zielgruppen und Teilhabern von Aufklärung und Beratung.
Dieser Text beruht auf einer Arbeit von Ramazan Salman und Matthias Wienold, die im Jahr 2007 von der Bayerischen Aktion Jugendschutz veröffentlicht wurde:
Die Zeitschrift proJugend 3/2007 ist zum Preis von 2,80 € (zzgl. Porto/Versand) unter
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